Guteschaf
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Das Rasseportrait

Guteschaf

Gute Schaf / Porträt eines hellgrauen Gute-Bocks mit starkem Gehörn in seinem 6. Sommer.

Warum „Gute-Schaf“?

„Gute“ ist eine alte gotländische Bezeichnung für die Einwohner der Insel, also die Gotländer (nicht zu verwechseln mit den Goten!). Heute bezeichnet man in Schweden das gehörnte Gotlandschaf als Gute-Schaf. Das wurde notwendig, weil seit einigen Jahren der Zuchtverein des Pelzschafes, einer ebenfalls von gotländischen Vorfahren abstammenden Rasse, den Namen Gotlandschaf (Gotlandsfår) für sich vereinnahmt hat. Zur Vermeidung von Mißverständnissen muß man heute also vom Gute-Schaf oder vom gehörnten Gotlandschaf sprechen.

Guteschaf / Muttertier   

Gotländische Schafe in Deutschland

Gehörnte Gotlandschafe gibt es in Deutschland seit Jahrzehnten. Konrad Hellsing, einer der Retter dieser uralten Rasse, soll es gewesen sein, der schon in den 1950ern den Export einiger Tiere nach Ostdeutschland und nach Dänemark angeregt hatte. Jedenfalls war der Bestand im Tierpark Berlin-Friedrichsfelde ziemlich stark angewachsen. Das machte es seinem Direktor, dem in Ostdeutschland sehr populären Zoologen Heinrich Dathe, zugleich Vorsitzender des zentralen Fachausschusses Ornithologie, ziemlich leicht, Tiere abzugeben. Kollegen des Instituts für Landschaftsforschung und Naturschutz hatten mit ihm über eine Lösung zur Pflege einiger Küstenvogelschutzgebiete beraten, vornehmlich unbewohnte Inseln in der Boddenlandschaft. Ermutigt durch die Erfolge mit Fjällrindern im Naturschutzgebiet (NSG) „Ostufer der Müritz“ entschloß man sich nunmehr für ein Experiment mit dem Gotlandschaf.

Ab 1976 begann man mit der praktischen Umsetzung der Idee. Aus dem Zoo Rostock schickte man Schafe auf die Fährinsel (NSG) bei Hiddensee. Der Bestand entwickelte sich gut, die Tiere mußten aber 1979 aus seuchenhygienischen Gründen (ein Tollwutfall) getötet werden. 1978 kamen Schafe aus dem Tierpark Berlin in das NSG Böhmke und Werder bei Usedom. Man mußte sich nicht darüber ärgern, daß Professor Dathes Mitarbeiter offenbar jenes Material ausgesondert hatten, das man im Tierpark nicht zeigen wollte: vor allem hornlose und krüppelhörnige Tiere. Beeindruckendes genetisches Potential hatten diese Schafe mitgebracht, denn nahezu ohne Pflege und Winterfütterung vermehrten sie sich nicht nur schnell, nach wenigen Jahren war der Anteil hornloser Tiere unbedeutend klein geworden. Erfolgreiche Muttertiere und stattliche Böcke waren zu beobachten (z.B. Starke& Klafs 1981, 1986). Insbesondere Schafe der kleinen Insel Werder bildeten in den 1980er Jahren den Grundstock zahlreicher Bestände in weiteren NSG von der Oder bis zur Bretziner Heide in Westmecklenburg, auch die Fährinsel wurde 1981 wieder mit Schafen vom Werder besetzt. Sehr bekannt wurden beispielsweise die Bestände in den NSG Nonnenhof, Galenbecker See und Ostufer der Müritz (alle im östlichen Mecklenburg), die außerdem weitere direkte Zuführungen aus Berlin erhielten. Die starke Vermehrung brachte es mit sich, daß zahlreiche Tiere auch in private Hand gelangten.

Gute-Schaf / Gute-Böckchen, 5 Tage alt. Lämmer der Guteschafe können ganz schwarz sein, weiße Abzeichen und Scheckungen haben oder bräunlichgraue ("rehfarbene") Partien aufweisen. Weiße Lämmer sind äußerst selten.

                                                     Ungefähr 2000 Tiere
Heute sind die gehörnten Gotlandschafe vor allem in Mecklenburg-Vorpommern (hier wahrscheinlich mehr als 1 500 Tiere), in Schleswig-Holstein sowie im nördlichen Brandenburg verbreitet, können aber auch in anderen Ländern angetroffen werden. Die Bestände in Schleswig-Holstein und anderen westlichen Ländern stammen sowohl von ostdeutschen als auch von dänischen Schafen ab, neuerdings gab es einzelne direkte Importe aus Schweden. In einer ostdeutschen Versuchsstation wurden Gotlandschafe offenbar züchterisch bearbeitet (z.B. Sambraus 1994), dabei bestand jedoch keine Beziehung zur Entwicklung der oben beschriebenen Bestände.

Herkunft und Rettung der Rasse

Das gehörnte Gotlandschaf gehört zur Gruppe der nordeuropäischen Kurzschwanzschafe, zu der auch das Islandschaf, das Shetlandschaf, die norwegischen Spelsau, Dalasau und Steigar, das hornlose schwedische Pelzschaf (heute ebenfalls Gotlandschaf genannt) sowie die osteuropäischen Romanov-Schafe gezählt werden (Carlsson 1999). Engere Beziehungen bestehen offenbar zu den Heidschnucken.
  Wie in anderen europäischen Ländern bemühte man sich auch in Schweden seit Jahrhunderten um die Verbesserung der Wollqualität, vor allem durch Einkreuzung von Merino und englischen Rassen. An den Beständen abgelegener Gebiete, oft mit extremen Haltungsbedingungen, ging diese Zuchtarbeit lange Zeit vorbei. Doch vor etwa 60 Jahren waren nur noch kleinste Reste der alten Population erhalten. Die Rettung ist ziemlich gut dokumentiert (Hallander 1989).
  1918 ließ sich der deutschstämmige Edward Graelert im Norden Gotlands nieder. Er hatte eine Vorliebe für gehörnte Schafe und kaufte sich auf der Insel etwa zwei Dutzend zusammen, dazu einige Böcke. Seine Herde hielt sich bis zum Ende der 1950er Jahre und wurde bis in die 1940er durch gelegentlichen Zukauf einzelner Tiere aufgefrischt. Bis 1937 war dies der einzige verbliebene Bestand vollständig gehörnter Schafe. Durch Graelerts Freund Arvid Ohlsson wurde man im Schwedische Naturschutzbund und in der kulturhistorischen Anstalt Skansen (Stockholm) auf das Verschwinden der gehörnten Gotlandschafe aufmerksam. Einige Tiere wurden 1938 nach Stockholm verkauft, Nachfahren dieser Tiere 1940 zur Bewahrung der Rasse nach Göteborg gegeben (Hallander 1989). Diese Bemühungen und die interessanten Schafe veranlaßten den Zoologen Sven Ekman, in einem Aufsatz die Bewahrung alter Haustierrassen zu fordern, zugleich die erste Veröffentlichung über das gehörnte Gotlandschaf (Ekman 1938). Der Artikel erregte einiges Aufsehen und wurde in der Zeitschrift des Schafzuchtverbandes sogleich heftig attackiert (Insulander 1938). Dadurch wurde Konrad Hellsing, Bankdirektor in Visby, zum Hobbyschafzüchter. Er kaufte seinen Bestand von Graelert und weiteren gotländischen Schafhaltern, die noch einzelne gehörnte Tiere hatten, zusammen. Neben den Beständen von Graelert und Hellsing sind bis 1952 noch vier weitere gehörnte Muttertiere gefunden worden, danach keine mehr. Hierauf gehen alle heutigen gehörnten Gotlandschafe zurück.

Guteschaf / Schwarzbraunes Mutterschaf mit der nicht seltenen Blesse im 6. Sommer.

Die Merkmale der Rasse

Beide Geschlechter tragen schwach gedrehte, konvergierende oder divergierende Hörner, die überwiegend kräftig gerillt sind; der jährliche Zuwachs ist gut erkennbar. Der knapp mittelgroße Körper ist von grazilem Bau. Auch bei starker Bewollung des Körpers ist das an den schlanken Beinen und dem langen, relativ schmalen Kopf mit seiner breiteren Stirn und ausgeprägten Augenbögen sichtbar. Sowohl Beine als auch Kopf sind unbewollt, ebenso die Schwanzspitze (Edberg 1996). Die Ohren sind relativ klein, insbesondere bei den Böcken.

Das Fell besteht aus Unterwolle, Deckhaar und markhaltigen Haaren, bildet also ein typisches mischwolliges Vlies, was die Tiere ziemlich widerstandsfähig gegenüber Kälte, Wind und Nässe macht. Böcke tragen eine ausgeprägte Mähne aus dunkleren, oft schwarzen drahtigen Haaren. Bei weiblichen Tiere ist der Mähnenbereich nur kräftiger bewollt. Die Farben sind für Züchter streng selektierter Rassen verwirrend. Lämmer kommen schwarz, teils mit weißen Abzeichen, schwarz-weiß gescheckt, graumeliert oder ähnlich wie Mufflonlämmer gezeichnet, oft auch mit braunen Tönen, zur Welt. Die Farben erwachsener Tiere variieren über die gesamte Grauskala, nicht selten kommt ein bräunlicher Anflug hinzu. Ganz weiße und ganz schwarze Tiere sind rar. Gewöhnlich ist die äußere Wolle heller als die unbewollten Körperpartien. Um Maul und Augen sind bei dunkleren Tieren normalerweise hell behaarte Bereiche vorhanden. Vom Lammfell bis zum Haarkleid des erwachsenen Tieres können sich die Haarfarben und auch die Zeichnung des Gesichts ändern. Bei Graaf (1993) finden sich verschiedene Typen von Gesichtszeichnungen. Zwischen März und Juli (anfangs die Böcke, zuletzt die Muttern) findet bei nahezu allen Tieren ein Haarwechsel statt.

Maße*  

Böcke  

Muttern  

Widerristhöhe

64 - 84 cm 

65 - 71 cm

Hornlänge

39 - 90 cm

21 - 43 cm

Hornbasisumfang

20 - 29 cm

12 - 14 cm 

Ohrenlänge

8 - 10 cm

 9 - 12 cm 

Schwanzlänge 

13 - 19 cm 

13 - 18 cm

Lebendgewicht

70 - 100 kg  

45 - 60 kg

*)    Die Böcke wachsen etwa bis zum vierten Jahr, die Maß streuen deshalb ziemlich stark; nach Edberg (1996).

Carl von Linné gibt in seinem gotländischen Reisebericht von 1741 interessante Informationen zur Nutzung der Tiere: „Diese Schafe, die das ganze Jahr draußen umherstreifen ohne in den Nächten unter einem Dach zu ruhen, werden ein paar mal im Jahr zusammengesammelt, da sich zugleich ganze Gemeinden versammeln um sie zu treiben, so zu Bartholomäi, wenn die Jungen geschoren werden und zu Matthäi, wenn die Alten geschoren werden und aussortiert zum Schlachten oder zum Verkauf. Ein jeder erkennt seine Schafe wieder durch Markierungen im Ohr.“ und „ Es war bemerkenswert, zu sehen, wie die Natur mit den Schafen umgeht. Hier auf den trockenen Felsplatten laufen sie ganze Tage, ohne einmal das hohe Gras, das zwischen Fels und dem Meer wuchs, wo das Gras so hoch war, daß es bis zu den Knien stand, … niederzutreten, viel weniger zu fressen. Gleichwohl werden die Schafe hier feist. … im Frühling, zu der Zeit, da die Schafe ihre Wolle verlieren wollen, pflegen sie (die Bauern, Verf.) … die lose Wolle mit den Händen herauszuziehen.“ (Linnæus 1745/1991).

Guteschaf/ Ein 6-jähriger, fast schwarzer Gute-Bock im Fellwechsel ! Zusatzinformation: Zwischen Frühling und Sommer löst sich das Vlies beim größten Teil der Tiere m.o.w. leicht ab. Sie sehen in dieser Zeit nicht besonders schön aus und werden von unkundigen "Tierfreunden" oft als vernachlässigt angesehen. Die meisten Guteschafhalter scheren ihre Tieres deshalb, obwohl das nicht ökonomisch ist.

Gefährdung der Rasse

Es gibt heute in Schweden etwa 6 000 durch Föreningen Gutefåret (Verein Gute-Schaf) registrierte Gute-Schafe, kein kleiner Bestand. Dennoch läßt sich die Frage nach der Gefährdung nicht klar beantworten. Es gibt zwei große Probleme. Zum Ersten findet man zahlreiche Tiere mit Einkreuzungsmerkmalen, insbesondere vom Jacobsschaf. Im Bericht des von seinen Landsleuten hochverehrten Linné von 1741 kann man nämlich an einer Stelle lesen: „Die Widder haben überwiegend zwei Hörner, doch gab es hier (beim Ort Grotlingebo, d. Verf.) solche, die vier und selten sechs hatten …“ (Linnæus 1745/1991). Deshalb versuchten einige Züchter, diese Vielhörnigkeit durch Einkreuzungen zu erzeugen. Zum Zweiten ist in Schweden die Viruserkrankung Maedi-Visna ziemlich verbreitet, auch bei Gute-Schafen. Sanierungen (i.d.R. Schlachtung der Bestände mit positiven Tieren) werden angestrebt. R. Edberg (in litt.) schätzt ein, daß aus diesen Gründen gegenwärtig wohl nur die Hälfte der Gute-Schafe als hinreichend sichere Genreserve angesehen werden können. Das Interesse an den deutschen Beständen, die zumindest diese Einkreuzungsmerkmale nicht aufweisen, ist deshalb groß.
  Wichtige Mittel zur Erhaltung der mannigfaltigen Anlagen der Rasse sind die Haltungsbedingungen (ganzjährige Freilandhaltung, kein Konzentratfutter) und das Vermeiden zu strenger Auswahlkriterien für die Zuchttiere. Insbesondere letzteres führt zu Spannungen gegenüber den Tierzuchtgesetzen und zu Verständigungsproblemen mit Zuchtverbänden und Haltern anderer Rassen. Gehörnte Gotlandschafe sollten, wo sie bei uns ähnlich wie in ihren Herkunftsgebieten gehalten werden können, also vor allem im Ostseeraum, nicht als Exoten angesehen werden.
  Neuerdings gibt es eine Zusammenarbeit mit dem schwedischen Verein Gute-Schaf, wobei es insbesondere um die Verständigung über die Ziele der Zuchtarbeit geht. Das ist wichtiger als Herdbuchzuchten nach dem Muster der Leistungsrassen, die es übrigens seit einigen Jahren gibt, obwohl in Deutschland unterschiedliche Beschreibungen der Rasse kursieren.

                   Gute Schaf / Weibliches Gute-Lamm, 3 bis 4 Monate alt    Gotlandschaf / Hellgraues Gute-Bocklamm mit typischer Farbverteilung (5 Monate alt).
                                           

Rassebeschreibung und Bilder: Dr. Frithjof Erdmann
Institut für Landschaftsökologie und Naturschutz

Schwedische Zuchtverein Guteschaf: Föreningen Gutefårets

Weiterführende Literatur:
cover
Gefährdete Nutztierrassen
cover
Seltene Haus- und Nutztierrassen
cover
Schafe halten
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